Weihnachtsstress

Weihnachtszeit 2018

Von allen Seiten klingt es, riecht es, und sieht aus wie: Weihnachten ! Weihnachtsmärkte in jeder Stadt. In Duisburg wachsen blaue (!) Kunststofftannen aus dem Pflaster der Königstrasse. Sogenannte Weihnachtsmusik tön in einer endlosen Wiederholungsschleife aus hunderten von Lautsprechern. Glühweinbuden und Grillstände bestimmen das Bild, und nur vereinzelt traut sich jemand, etwas handgefertigtes anzubieten, bis man bei näherem Hinsehen erkennt: Der angeblich in filigraner Handschnitzerei gefertigte Balthasar sieht, wie auch alle anderen Krippenfiguren, exakt so aus wie die anderen 5 Zwillinge dahinter, und die hundert anderen im versteckten Karton hinten in der Bude. CNC Fräsbänke machen es möglich.

Beim wöchentlichen Einkauf im Supermarkt versperren Schokoladen-Weihnachtsmänner deinen gewohnten Einkaufswagen-Pfad, und ein Blick auf die Schlange an der Fisch- und Fleisch-Theke kündigt das nahe Weihnachtsfest an. Offenbar hat jemand gesagt, dass es nach den Feiertagen nichts essbares mehr gibt, und so werden bergeweise Lebensmittel auf die Förderbänder der Kassen gelegt, und entnervte Kassiererinnen sich nur noch unter Anstrengung zu einem „Schöne Feiertage noch“ durchringen können.

Auf der Suche nach etwas Ruhe nehme ich am Heiligabend mal nicht den Wagen, um den vorbestellten Lachs für das Fest abzuholen. Ist ja nur ein Kilometer, und im Nieselregen, den Kopf eingezogen in den hochgestellten Kragen der Winterjacke wie eine Schildkröte, denke ich mir: Wo ist denn nun das „Weihnachten“ ? Heute, am heiligen Abend, ist vor mehr als 2000 Jahren ein Mann geboren worden, der in seinem kurzen Leben von Frieden, Mitmenschlichkeit und Liebe gepredigt hat. Er muss damit einen großen Eindruck hinterlassen haben, wenn man heute noch seinen Geburtstag feiert!

Wenn also der Grundgedanke von Weihnachten des Gedenken an diesen Mann und seine mahnenden Worte ist, wo finde ich Ihn zwischen all den Plastikverpackungen mit Süßigkeiten, zwischen Glühweintassen und ratternden Registrierkassen ?

Ich finde Ihn, ganz unerwartet, beim Besuch meiner Mutter im Pflegeheim. Alle Bewohner, auch die bettlägerigen, sind versammelt für eine kleine Andacht mit der Pfarrerin der evangelischen Gemeinde nebenan. Kein Weihnachtsbaum, keine Kerzen, und auf den Tischen mehr Schnabelbecher mit Kirschsaft als richtige Trinkgläser. Wir singen ein kleines Weihnachtslied, und alle stimmen mit ein. Hier, zwischen Rollstühlen und Rollatoren, finde ich endlich die Stimmung, die eines heiligen Abends würdig ist. „Friede Euch Allen“ sagt die Pfarrerin, und ich fühle, dass diese Worte auch jeden berühren.

Friede Euch Allen. Allen in dieser Welt. Gleich, welcher Nation, welcher Hautfarbe, welcher Religion. Allezeit. Nicht nur zur Weihnachtszeit. Geht achtsam miteinander um, und achtsam mit der Welt, auf der wir leben. Unser eigenes Leben ist endlich, und endlich sind unsere Resourcen. Das, was wir auf unserem Weg durchs Leben verbrauchen und zertreten, sollte auch wieder wachsen können. „Hinterlasse diesen Ort so, wie Du Ihn dir vorzufinden wünschst“ ist nicht nur ein Satz, den wir auf öffentlichen Toiletten finden und hoffentlich einhalten. Sollte unsere Anwesenheit dann spurlos bleiben ? Nein. Denn unser Schaffen sollte die Welt – hoffentlich – etwas besser gemacht haben. Das, denke ich, ist Weihnachten: Zeit für Uns, für die Familie, Zeit, mal über uns nachzudenken, wie gut es uns doch geht.

Und unsere Einsicht sollte in seinem Nachhall ein wenig in die Zeit derer klingen, die nach uns kommen und hoffentlich das gleiche für sich selbst erkennen.

Friede Euch Allen.

Immer. Nicht nur zu Weihnachten.

Roland. 25.12.2018.